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OH GURU, NO GURU – DAS ENDE DER EGO-ZENTRIK!

3 Wozu Satsang? Was geschieht im Satsang?

Es gibt niemanden, der oder die sich dafür entscheiden könnte, Satsang zu geben – wenn es da jemanden gäbe, wäre es kein Satsang. Satsang findet einfach statt, keiner weiß warum. Man kann natürlich sagen, um der Stille, der Freiheit willen oder um das Aufwachen zu verbreiten oder damit du deine wahre Natur erkennen kannst, das ist aber alles sehr irreführend, denn Satsang hat keinen Zweck für Niemanden – die Freiheit dient sich nur selbst.

Ein Versuch: Vereinfachend und modellhaft kann man sagen, Satsang findet auf drei Ebenen statt. Die Basis, die erste und zentrale Ebene ist das absolute Nichts. Das ist die Ebene, von der Ramana sagt, sie sei die eigentliche Unterweisung, die er, für mein Sprachgefühl etwas irreführend, Stille nennt. Die zweite Ebene ist die des Seins, der Fülle, der Ganzheit, das Sein der Welt, das ebenso Nichts ist, was für den Verstand zu hoch ist. Hier kollabiert der Verstand, das Ich zerbricht (sich den Kopf und sich selbst). Diese Ebene ist ebenfalls ichlos, dort (es ist natürlich kein Ort) wird die Stille, die im Satsang spürbar ist, erlebt. Da sind das Feld und die Resonanz. Die erste und zweite Ebene sind DAS. Die erste und zweite Ebene sind die des Sitzens in Stille. Die erste und zweite Ebene entziehen sich der faktischen Überprüfbarkeit, das ist die eigentliche Esoterik, im ursprünglichen Wortsinn. Das ist, was Ramana reines Gewahrsein nennt, von dort aus wird gesprochen, ohne dass da jemand wäre, der spricht. Die dritte Ebene ist die des Seienden der Welt, die Welt der Personen, der Ichs, der Dinge, der Welt, wie sie uns landläufig erscheint, die Welt der Einzelheiten; die Ebene der Wahrnehmung und der Körper. Die Welt, die so aussieht, als würde die Person darin leben. Das ist die Ebene, auf der sich das Sprechen zeigt, wo man die Person, die spricht, wahrnehmen kann, die Ebene der Worte und der Ohren. Dort sieht man sich gegenseitig als Personen im Kreis sitzen. Dort finden die Dramen und Verwicklungen, das Leid und die Veranstaltung mit dem Namen Satsang statt. Diese drei Ebenen gemeinsam sind das, was DA ist.

Die Verständigung, das Gespräch, das im Satsang stattfindet und initiiert wird, kommt aus den unteren Ebenen, die energiereicher sind, um in der oberen Ebene transformierend im Leben der Person zu wirken, sozusagen mitzuhelfen, das Ich und dessen Illusionen aufzulösen, für das es im wesentlichen nur die oberste Ebene gibt – ohne dass überhaupt Hilfe intendiert oder nötig wäre. Auf der obersten Ebene bewegen sich die Personen und werden hoffentlich berührt, energetisiert, transformiert von niemandem für niemanden zu niemandem. Oder um es in einem einfachen Bild auszudrücken, die Ebene des Nichts ist das Schwarze Loch mit höchster Masse und Energie, das Gravitationszentrum (ohne Zentrum), in das die ganze Schwere, das ganze Leid gesaugt wird, absolute Dunkelheit. Die Ebene des Seins pumpt das transformierende Licht, die Stille, den Frieden und die Energie an die Oberfläche, ins Erleben. Auf der Ebene der Welt wird mit Hilfe des Navigationsystems der Resonanz das Ich geortet und eingeladen, Berührung zuzulassen, sich hinzugeben, sich aufzugeben, zu empfangen, was ohnehin schon immer DA ist – und einfach aus dem Zentrum zu verschwinden – Jetzt, sofort!

Dieses Modell und die Darstellung der zwei Flammen dient dazu, klar zu machen, dass es auf diese unpersönlichen Ebenen und Seinsweisen ankommt und von dort die Hebamme, der Bote agiert, agieren muss – diese Ebenen aber entziehen sich, wie erwähnt, jeder faktischen Überprüfbarkeit, wie Ramesh Balsekar immer wieder ausführte: Enlightenment is not a certified event. – Und natürlich gibt es keine (drei) Ebenen.

Das kann dazu führen, dass das Lehrer-Schüler-Verhältnis so vertrackt daherkommt, so patriarchal asymmetrisch. Da können sich alle Ichhaftigkeiten des Lehrers (oder Schülers) der kulturellen, religiösen und geschlechtlichen Tradition verbarrikadieren, da ist unermesslicher Raum für Projektionen von Papa und Mama, von Idealen, Göttern und Teufeln. Und darauf kommt es an: Du alleine bist der Seismograph, alleine deine Erfahrung ist die Richtschnur, Selbstautorisierung ist das wichtigste Fahrzeug (auch ohne Ich und Du). Einen aufgewachten Lehrer gibt es nicht, ebenso wie es keine erleuchtete Person oder kein aufgewachtes Ich geben kann, das ist eine contradictio in adjecto, ein Widerspruch in sich. Entweder ist da Aufwachen oder ein Ich, eine Person kann nicht aufwachen. Wenn Aufwachen geschieht, ist die Person weg, wie erwähnt, zumindest aus dem Zentrum und zumindest meistens. –

Aber natürlich ist da eine Person! Ist die berechtigte Erwiderung: Ich sehe sie, ich erlebe sie und empfinde, erlebe, erleide diese oder jene Übertragung, Übergriffigkeit, Zumutung und Unzumutbarkeit – ich kann das regelrecht riechen. All die genannten und ungenannten Nebeneffekte und die Tatsache der Unüberprüfbarkeit des Aufgewacht-Seins, des Erleuchtet-Seins schafft die Fallen, an die Lehrer und Schüler und deren Verhältnis ausgeliefert sind. Da hilft nur beidseitige Aufrichtigkeit, sich zeigen, zur Disposition stehen. Heiligkeiten und Rollenspiele führen nur in Abhängigkeiten und schließlich in Vertrauensverlust. Denn auf beiden Seiten, die eine Einheit einer Lebendigkeit sind, gilt: Wahrnehmung ist Projektion, das ist die Auseinandersetzung der stetigen Vertiefung für den Lehrer, das ist die Möglichkeit des Schülers zum Erkennen und Vertrauen und zur Hingabe – nicht an den Lehrer oder Guru – an das Leben selbst, dort begegnen sich im besten Fall beide auf Augenhöhe – im Leben. Relevant ist das eigene Erleben, das eigene Fühlen, Empfinden und Wahrnehmen. Wichtig ist, ob hier ein Einrasten deines Lebens auf das Mysterium des Aufwachens sich ereignen kann und/oder vertiefen – wenn dem nicht so ist, geh weg! Wenn es nachlässt, ist es Zeit zu gehen! Wenn der Lehrer beginnt, dich an sich oder seine Organisation zu binden, hau ab! – Weniger dual, ausgedrückt: fühle und durchlebe alles vollständig, denn dieses Verhältnis ist in deiner Welt, ist deine Projektion – und wenn alles vollständig erlebt wird, bist DU weg – da sind keine zwei, da ist nur Leben.

Warum dann überhaupt Satsang, einen Lehrer? Um die Fallen zu erkennen, dafür können die Lehrer/die Botschafterinnen gut sein, damit sie uns darauf hinweisen. Wir können sie gut gebrauchen für die Vertiefung, das Feld, die Resonanz, für die Spiegelung. Du liest es an ihnen ab, an ihren Körpern, ihren Worten, ihren Taten - ihrem Sein. Wenn du Lust hast, komm zum Satsang, und wenn du keine Lust hast, erst recht! Die Hebamme kommt ja auch zur Entbindung, egal, wie es ihr gerade geht. Die Vertiefung geschieht durch das sich zur Disposition stellen, dadurch, dass Lehrer wie Schüler auf allen drei Ebenen da sind und da bleiben. Es mag zu Verwicklungen kommen, die der eine oder andere lieber gerne vermieden hätte, aber genau daran und an ihrer Auflösung kann man die Vertiefung – also die Freiheit des Lebens erkennen. Wir können die sogenannten Lehrer gut gebrauchen, um mit ihnen zu schwingen, um uns an ihnen zu reiben, um uns von ihnen abzugrenzen, um sie zu verlassen, um erwachsen zu werden, um ganz Kind bleiben zu können, um uns von ihnen und von uns zu befreien.

Dazu ist kein einzelner Guru, keine singuläre Lehrerbeziehung nötig: Wichtig ist, ob dein Leben einrastet auf das Interesse am Aufwachen, dein Leben führt dich, das Leben ist der Guru. Bei dem einen Menschen führt das dazu, dass er zehn Jahre in einem Ashram in Himalaya verbringt, oder im Satsang in seiner Stadt, bei der anderen Person, dass sie alle paar Wochen eine andere Form des immer selben in unterschiedlichster Auseinandersetzung sucht – die dritte geht einfach durch den Park, die Straße lang oder ihrer Arbeit nach. Doch überprüfe dabei, ob du dich an der Nase herumführst und träge herumsuchst oder ob das Leben sich findet – die Form, in der sich DAS vollzieht, wird immer wieder neu erfunden.

Es gibt keine optimale Methode oder die richtige Lehre. Das ist ebenso einem falschen Ideal folgen wie die Idee der Erlösung. Für eine Zeit mag eine bestimmte Sache, Methode, Vorgehensweise sinnvoll sein, ein bestimmter Lehrer der richtige sein. Es gibt nur dein Leben, das die Richtschnur bietet. Wie könnte das freie Leben sich frei entfalten, wenn eine Vorgehensweise oder Methode die richtige sein muss? Das ist lebensfeindlich in sich. Keine Form, kein Gebäude, kein Lehrgebäude ist für immer – schau, wie lange es dir dient, und dann zieh wieder aus. Nichts ist auf ewig. Schreiben auf Wasser.[6] In Strukturen, Methoden, (Lehr-) Gebäuden Ewigkeit schaffen zu wollen, ist eine traditionell religiöse und patriarchale Struktur. – Die Frage ist: Wem nutzt diese Struktur? Was will das Leben? Was bin ich? Was erlebe, was fühle ich? Was ist das Leben wirklich? usw. So vertieft der Schüler den Lehrer, indem er ihn (und dessen Lehre) frei lässt, ihn nicht belagert und vereinnahmt und umgekehrt. Noch immer gilt: Aufwachen geschieht nicht durch die Methoden, sondern ihnen zum Trotz. Keiner hat Recht! Keiner hat Unrecht! Die Traditionen, Systeme, Modelle und Methoden wie Familie, Karma, Typenlehren, Kausalität, Logik, Denken, Fühlen, Intelligenz, die kosmologischen Modelle mit ihren Ebenen, Schichten und Gates – lass dich inspirieren, identifiziere dich nicht, missbrauche die Angebote und Methoden nicht, indem du sie brauchst, um Meinungen zu haben, um wer zu sein, der das und das weiß oder tut, und der das und das ist, und der das und das gerne abgesichert hätte.

Da ist ein Spüren und Erkennen, wann der Zeitpunkt gekommen ist, dem Lehrer und der Lehre den Rücken zu kehren. Du brauchst das nicht suchen. Schön ist, diesen Zeitpunkt nicht zu verpassen, ihn nicht zu verschleppen. Falls du das Glück hast, einen Lehrer zu haben, der selbst nicht ich-haft verwickelt ist, wird er dich rechtzeitig darauf hinweisen zu gehen. Du ehrst den Lehrer, indem du gehst und dich nicht umdrehst! Du hast alles in dir, um zu erkennen, ob die Form der Bezogenheit zum Lehrer sich nun, nach dem Aufwachen, in eine fruchtbare Zusammenarbeit, Kollaboration, Komplizenschaft, Freundschaft oder Bekanntschaft verwandelt oder dies bereits ist, oder ob es sich um ein Machtspiel oder Autoritätsgehabe handelt. Wie gesagt, durchfühle, erlebe das wirklich, offen und ohne Verdrängung, dein Leben ist diese Welt, diese Welt ist das Leben. Die Konsequenz, die Handlung wird sich aus der Bereitschaft zum vollständigen Erleben klar zeigen. Der Lehrer muss frei bleiben, der Schüler muss frei werden!

Warum diesen Text? Warum noch einen Text? Ich weiß es nicht. Lass dich inspirieren, lass dich vom Text bewegen, jetzt, wenn du ihn liest, nutze ihn oder wirf ihn weg! Vermeide, ihn in den Fundus deines (spirituellen) Wissens einzugliedern. Vermeide das bei allem, was du liest, tust und erkennst. Vergiss den Autor! Vergiss die Zeit! Warum schreibe ich? Damit ich mehr Geld, Macht und Sex bekomme? – Wäre zu vermuten. Wenn es dich danach drängt, überprüfe das für dich! Überprüfe jeden Boten, jede Botschaft, jeden Lehrer, jeden Guru und geh dann die Verbindung in Klarheit ein, die du eingehen möchtest, und entscheide dich mit all deiner Kraft dafür – auch wenn ganz klar ist, dass da niemand ist, der sich je entscheiden könnte. Befreie das Leben, das dich lebt, und überlasse es der Freiheit ganz!

Das hier ist ein Erfahrungsbericht, Sprachbilder, Bilder in der Zeit, Worte – auch wenn es genau um das geht, was zeitfrei keine Erfahrung ist für Niemanden – Inspiration, Hinweise oder wertlos. Aus Sicht des Seins ist jede Diskussion idiotisch, auch die um Vertiefung und Lehre – das ist wunderbar so. Aus Sicht des Ich, der Gesellschaft und ihrer Kultur ist sie vielleicht umso wesentlicher? Vielleicht kann der Text helfen, Mut zu machen und Lust auf mehr… Mond.

 
Es gibt nur den Mond, der nicht wissen muss, welchen Namen er trägt, um zu sein.

 


[6] Nur Dasitzen und Reden ist übrigens auch eine Methode, auch wenn das gerne von ihren Verfechtern geleugnet wird.

*) Dieser Text wird orientiert an open source digital veröffentlicht: Der Text kann also frei verbreitet, kopiert und zitiert werden, bitte unter der Voraussetzung, dass stets die Quelle angegeben wird und zugänglich bleibt, also Website und Autor: mari stephani  / mariposa.vc, möglichst mit Verlinkung. Es sind damit keine Zahlungsverpflichtungen gegen einen Lizenzgeber verbunden. (Das ist keine Druckfreigabe). Spenden sind willkommen. Kontakt: mari@mariposa.vc.

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