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OH GURU, NO GURU – DAS ENDE DER EGO-ZENTRIK!

2 Diese erste Flamme der Befreiung ermöglicht eine erste Phase der Auflösung von Problemstellungen im Leben, starken Anhaftungen und wiederkehrenden Mustern (als Nebeneffekt) – um der nächsten Phase, auf höherem Niveau, Platz zu schaffen. Wird das missachtet, friert das Aufwachen ein oder fällt ins Einschlafen zurück, was wiederum eine der größten Fallen vor allem auch für die so genannten „spirituellen Lehrer“ oder „Gurus“ darstellt: das spirituelle Superego wird erschaffen und tobt sich fortan unter dem Vorwand des aufgewachten Seins in der eigenen Methodik und Lehre aus und versucht darüber, die Sangha, die Einzelnen und die Gruppe der am Aufwachen interessierten Menschen abhängig zu machen und zu kontrollieren. Die Lehre des Gurus wird zu einer Produktionsstätte von Sucherinnen und Suchern. Man kann niemanden etwas lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu finden. Sagt zukunftsweisend Galileo Galilei, ein Beteiligter am Komplott gegen das Weltbild des Mittelalters. George Orwell, einer der Forscher zu Fragen kollektiver Abhängigkeit, klärt pointiert: Der ist der beste Lehrer, der sich nach und nach überflüssig macht. Mein Vorschlag ist, man hört auf überhaupt von Lehrern und Gurus zu sprechen und nennt diese Leute besser Bote, Erwachens-Hebamme oder -Geburtshelfer, Diener, Komplizin, Messenger, spirituelle Freundin, Ich-Querulant oder noch viel einfacher bei ihren Namen, den bürgerlichen oder selbst gewählten, und lässt den ganzen sonstigen Guru-Firlefanz und Überbau weg, bzw. ordnet diesen unter die Zusammenhänge ein, die dringend vor und nach dem Aufwachen aufgelöst werden sollten, wie Vater-/Mutter-/Gotteskomplex, religiöse Tradition, Verherrlichung, Erhabenheit, Heiligkeit, Gutmenschentum, Bewunderung, persönliche bezogene Dankbarkeit und Liebe, Enthaltsamkeit, Unterwerfung, Weltverbesserei, Gefolgschaft – oder wie auch immer man die unterschiedlichen Formen emotionaler, spiritueller, wirtschaftlicher und sexueller Abhängigkeit nennen mag. Es ist eine große Gefahr, dass sich das Ich hinter oder unter dem Aufwachen verschanzt und von dort, wie bisher auch, versucht, alle Geschicke und Veränderungen an sich zu reißen, zu kontrollieren und abzusichern – oft lange unbemerkt von allen Beteiligten, wie die gescheiterten Organisationen vieler Gurus und Meister und unsere Kirchen eindringlich aufzeigen und was sich auch in neu gebildeten Organisationen, Stiftungen und Seilschaften fast zwangsläufig einschleicht.

Wie schützen sich der Sucher, die Finderin, der Bote und die Hebamme davor? Indem sie sich zur Disposition stellen, indem das Leben gelebt wird, die Menschen, die da auftauchen, als diejenigen, die die Hinweise geben, oder als diejenigen, die sich für die Hinweise interessieren, wirklich auftauchen und nicht nur scheinbar, nicht nur in festgelegten Rollenmustern. Denn ohnehin hat die Reise mit dem Entfachen der ersten Flamme gerade mal begonnen. Kosmisches Bewusstsein ist nicht das Ziel, sondern ein Start. Ganz nach dem Motto: Es gibt ein Leben vor dem Tod – denn Befreiung führt in die Freiheit. Das Leben ist aus dem Gefängnis des Ich ausgezogen, nun wird es wirklich und zieht in sich selbst ein: das Nichts, so könnte man es ausdrücken, kommt zu sich selbst und wird vollständig intim mit der Welt – es wird klar, das es keinerlei Beobachterrolle, Zeugenschaft oder Bewusstheit bedarf. Das Leben, der Kosmos ist vollkommen mit sich selbst identisch, ohne jede Spekulation, Differenz, Theorie, Konzept, ohne jede spirituelle oder sonstige Wahrheit, Lehre oder Methode, kein Gott, kein Zentrum, kein Guru oder was auch immer – Leben ist Leben ist Leben – die absolute Tautologie. Kein Getue und kein Gehabe ist mehr nötig und es muss aber auch nichts vermieden werden – vollkommene Einfachheit.

Hier wird ganz klar: Wahrnehmung und Projektion sind eins. Wunsch, Wille und Wirklichkeit sind eins. Maya lüftet sich vollständig, um völlig Leela zu sein. Das Ganze gleitet aus sich selbst heraus in den nirvikalpa Samadhi, den sogenannten überbewussten Samadhi. Wenn nicht schon längst unsere Sprache kollabierte, bricht sie nun endgültig hilflos in sich zusammen: Es bleiben religiöse Lobpreisungen, Hymnen, Verse, Metaphern, in die Irre leitende Mythen und Beschreibungen – herzhaft beglücktes sprachloses Lächeln und Stammeln – und wieder: Schweigen – Stille. Das ist, was Erleuchtung genannt wird, ich nenne es lieber Freiheit. Wieder ist das Ich versucht, das fälschlich an Nebeneffekten abzuleiten. Gerade dann, wenn das Wort Erleuchtung auftaucht, kann man sich ziemlich sicher sein, dass nicht von Freiheit, sondern den Nebeneffekten die Rede ist: übernatürliche magische Kräfte; übersinnliches Wissen und Allwissenheit; Siddhis und jede Menge Wunder. Eine völlig irrige Angelegenheit, denn gerade das so zu sich gekommene Leben kann all dem überhaupt nichts abgewinnen, wozu auch und wofür? Im Gegenteil, es wird ein „wundervolles“ Versteckspiel beginnen, um die im Zentrum verharrenden Ichs zu bespielen, zu necken, zu preisen und zu töten…

Die „Arbeit“ der zweiten Flamme ist ganz klar DIE Wesentliche, sie orientiert sich unerhaben und profan an dem, was sich im Leben in aller Hartnäckigkeit zeigt, anscheinend im Mangel ist, Not tut, also nötig ist – der nächste Schritt, ohne jede Not. Während das Leben in diesen Samadhi gleitet, taucht wieder alles auf, das ganze Leid, die Neurosen, die Konzepte, die Traumata, das Ich selbst, wen wunderts – es offenbart sich in aller Kraft und Deutlichkeit, wenn es sein muss, eng und verdreht als das Urtrauma schlechthin, und das ist absolut perfekt so. Hier finden die wirklich wesentlichen Demütigungen und Auflösungen statt. Ich nenne es Gleiten in Ermangelung eines besseren Wortes, denn es ist weder Prozess (wie im Leben des Ich) noch Plötzlichkeit (wie beim Aufwachen), es geschieht jenseits/diesseits aller Kategorien und auch jenseits/diesseits von Kategorielosigkeit. Im Leben des Menschen, auch wenn bereits das Aufwachen stattgefunden hatte, können extreme Härten, Brüche, Schübe und Prozesse auftauchen, das Leben selbst aber gleitet frei – das Leben steht im Aufzug und er fährt. Allerdings eben nur dann, wenn die Herausforderungen angenommen werden, egal auf welcher Seite, als Lehrerin oder Schüler, Hebamme, Bote oder Empfänger. Das ist eine der wesentlichen Fallen: Alles, was wie Erlösung und endgültiger Frieden aussieht, ist immer noch das Ich, nicht das Sein. Das Leben bedarf keiner Erlösung, keines Stillstandes, keiner Ruhe und keiner Erholung. Es ist das an seiner ewigen Suche nach dem Besseren verzweifelte Ich, das durch sein Gieren nach Fertigwerden geschunden auf Erlösung, Ruhe und Frieden, Stille, Freizeit und Urlaub vom Leben zielt und schielt. Das Leben pfeift darauf: kein Zentrum, auch kein Nichts im Zentrum, keine Personen, hier nicht, nicht im Anderen und auch nicht sonstwo. Volle Skala – Alles, immer, niemals. Hier lösen sich auch noch die letzten großen Irrtümer des helio- und anthropozentrischen Weltbildes auf: Konzepte, Naturgesetze, Wissen, Wahrheiten, Gurus und Götter. Kein Gott ist im Zentrum, keine Sprache (logos) und auch kein Nichts, absolute Zentrumslosigkeit, und auch kein Absolutes, räumlich ebenso wie zeitlich, das absolute Nicht-Absolute. Und selbst der überaus kluge Dreisatz: Brahman ist, die Welt ist nicht, Brahman ist die Welt.[5] – nichts als hohle Worte. Hier kommt Buddha zu sich selbst und verschwindet: Ich habe nie ein Wort gesprochen. Multidimensionalität, Aufstieg der Erde, Bewusstseinsforschung – flache Worte – Beschäftigungspolitik des spirituellen Ich  – – –

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[5] Dieser Dreisatz wird vielfach Ramana Maharshi in den Mund gelegt. Ich konnte dafür bislang keine verlässliche Quelle finden. Tatsächlich geht dieser Satz auf eine zentrale Formulierung von Adi Shankara zurück, dem Begründer des Advaita Vedanta. Dessen Formulierung gilt allerdings der Identität von Brahman und (individuellem) Selbst, was in der Konsequenz zwar dasselbe bedeutet, aber dort nicht so pointiert ausgedrückt ist. Bleibt man bei der Erkenntnis „die Welt ist nicht“ stehen, verfällt man in eine Form von spiritueller, dualistischer Arroganz, die auch ironisch „Advaita Dualität“ genannt wird: Da ist das „erleuchtete Sein“ und dort „die Welt, die Illusion, die nicht ist“, was als  Alibi des spirituellen Ich dient, sich in Erhabenheit vor dem Leben zu verschanzen.