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OH GURU, NO GURU – DAS ENDE DER EGO-ZENTRIK!

Mari Stephani
*) publiziert in: Erleuchtung Phänomen und Mythos, silentpress, Berlin 2012

1 Es wird vielfach von einem Paradigmenwechsel gesprochen bezüglich dieses atemberaubenden und atembefreienden Mysteriums des menschlichen Seins, das wir Aufwachen, Erleuchtung oder Befreiung nennen. Aufwachen findet inzwischen in so vielen Leben statt, wie es bisher in unserer Kultur nicht der Fall war. Eine neue Generation spiritueller Lehrerinnen und Lehrer tritt auf den Plan und meldet sich zu Wort, hinterfragt konsequent Traditionen bisheriger Rollenverteilungen in der Lehre, die Lehrmeinungen und Methoden und die Formen, in denen sie weitergegeben werden. Das traditionelle Lehrer-Schüler-Verhältnis selbst steht auf dem Prüfstand und zerfällt zu patriarchalem Staub.

Verwechsle nicht den Finger, der auf den Mond zeigt, mit dem Mond!

 Mit diesem Satz aus dem Zen, könnte man annehmen, ist schon das Wesentliche gesagt. Der Guru/der Lehrer ist der Finger (der hoffentlich weiß, wo und was der Mond ist), die Befreiung ist der Mond und der Schüler ist der, der in den Mond schaut – und plötzliches Erwachen tritt ein: Der Verstand (des Schülers) kollabiert, der Schüler (das Ich) ist weg, der Finger und der Lehrer sind weg, der Mond ist weg und übrig bleibt Gelächter, staunendes, beglücktes Schauen und die Schönheit des Mondes, ohne dass dieser als Objekt erfahren werde könnte. Und es gibt keine Abhängigkeiten und kein unnötiges Suchen und Herumstochern im eigenen Leben mehr. Der Lehrer ist dazu da, Hinweise zu geben, der Schüler nutzt sie – und stirbt ins Erwachen.

Plötzliches Erwachen, Befreiung! Allein darauf kommt es ja an, oder? Doch vermutlich sind noch immer der Schüler, der Lehrer, der Mond und der Finger da, und alles unschön voneinander getrennt. Leider hat der Mensch, der hier unverschämterweise „Schüler“ genannt wird, noch immer nicht kapiert, wie Schauen geht, was Schauen ist. Und wir wissen es alle: Solange der Schüler und der Lehrer da sind, kann es nicht klappen, kann es nicht stattfinden, denn Aufwachen geschieht niemals dem Ich – Befreiung findet statt und das Ich ist weg, und das sind auch nicht zwei Vorgänge, sondern ein und derselbe, und es handelt sich nicht mal um einen Vorgang – es findet nicht im Raum-Zeit-Kontinuum statt – sondern zeitfrei, raumfrei, ichfrei. Ein plötzlicher Riss in der Welt zerreißt diese und das Ich, das bisher glaubte, die Welt zu bewohnen. Alles ist klar – alles ist Eins – alles ist Liebe – Stille – NICHTS bleibt übrig. So eine der zentralen Lehrmeinungen. Und sie stimmt – fast.

Die Neurobiologie kommt uns zur Hilfe: Das Ich ist ein Märchen, so der Titel eines kürzlich erschienen Interviews mit dem Neurowissenschaftler David Eagleman[1]. Es handelt sich auch aus Sicht dieser Wissenschaft um einen eindeutigen Paradigmenwechsel: Das Ich und das Bewusstsein sind Randphänomene. Ganz ähnlich wie im Verlauf der kopernikanischen Wende die Erde als Zentralgestirn abdanken musste und die Sonne an ihre Stelle trat, was das damalige Weltbild und Welterleben tief erschütterte, wird nun festgestellt, dass das Ich und das Bewusstsein zwar vorhanden sind, aber nicht im Zentrum unserer inneren und äußeren Galaxis, sondern an der Peripherie, und von dort als einer von vielen Planeten umkreist und umspinnt es das Geschehen. Im Zentrum steht tatsächlich – Nichts – oder anders ausgedrückt: das Leben selbst ohne Ich – ein befreites und durchatmendes Nichts und Niemand. Endlich darf sich ordnen, was in wilden Bahnen schmerzhaft verwirrt durch Zeit und Raum schlingerte durch all die Jahrhunderte: Das Leben, das Ich, die Person, der Mensch. Um im Bild zu bleiben: Ebenso wie beim geozentrischen Weltbild des Mittelalters, in dem der Umlauf der Planeten in Schleifenbahnen interpretiert werden mussten, so verläuft das Leben, das gezwungen ist, um das Ich zu kreisen, in schmerzhaft erzwungenen Schleifen und Loops. Seit Jahrtausenden drängt unsere Kultur das Ich zwanghaft ins Zentrum des Erlebens und nötigt ihm den Besitz, die Verantwortung und das Erleiden dieses Erlebens auf, wozu es aber tatsächlich überhaupt nicht geeignet ist – dieser Urzwang kann mit Recht als Urtrauma bezeichnet werden – dieses erzeugt erst das Ich, wie wir es kennen, als DEINE Urneurose, als eine permanente Überforderung – das ist die Vertreibung aus dem Paradies und der ganze Ursprung des Leids.[2] Was bei den Neurowissenschaftlern Ergebnis von Experimenten und Untersuchungen ist, ist in der spirituellen Praxis Ergebnis direkter Erfahrung seit Jahrtausenden – Da ist kein Ich im Zentrum – NICHTS ist im Zentrum, rein gar nichts – und um dieses Nichts, aus diesem Nichts und in es zurück kreist das Leben in Fülle und Einheit – und die Person und deren Ich (k)reist mit.

Erlaubt man dem Ich und dem Verstand (mind), natürlicherweise an der Peripherie der menschlichen Galaxis seine Bahnen zu ziehen, herrscht Ruhe und Lebendigkeit – das Leben wird als das erlebt, was es ist: frei, mal kontrahiert, mal expandiert, mal fokussiert, mal defokussiert, mal mit diesen Erfahrungen, Gefühlen und Empfindungen, Wahrnehmungen und Gedanken verbunden, mal mit jenen – und all das geschieht nicht dem Ich, sondern niemandem, es geschieht dem Leben selbst – es ist keine Identifikation mit den einzelnen Ereignissen nötig, keine Identifikation mit den Ereignissen als Ganzem, der Fülle und auch nicht mit dem NICHTS, und findet doch ab und zu Identifikation statt, ist diese ein Phänomen unter vielen – doch DU bist nichts davon, du bist gar nicht – oder doch zumindest nur ab und zu.

Also das ist Aufwachen: das Ich gerät aus der bisherigen Fixierung, das Zentrum zu sein, und umkreist als eine der vielen möglichen Ereignisse, Funktionen und Relationen des Lebens das Leben selbst. Das ist, was unsere Sprache nicht mehr erfassen kann, denn diese ist selbst egozentrisch. (Und das werden wir noch solange aushalten müssen, bis sich unsere Sprache kollektiv an die neue Situation angepasst hat).

Ist das Ich aus dem Zentrum, ist auch alles, was um das Ich kreist, was ichhaft erlebt wurde und wird, aus dem Zentrum: Zeit, Biografie, Geschichte, Wissen, Sprache, Beziehungen, Konflikte, Leid, Schmerz, Angst, Glück, Liebe, Freude. Ist der Planet weg aus dem Zentrum, sind auch seine Monde weg aus dem Zentrum. Alles ändert sich und doch ändert sich nichts – das ist, was die Mystiker und die sogenannten Heiligen, Meisterinnen und Meister aller Zeiten und Kulturen erzählt haben. Ist ja klar, das sich alles ändert bei einem solch radikalen Perspektivwechsel – und doch ändert sich nichts, denn es kommt nichts hinzu, es wird nichts weggenommen – und die Welt, der Kosmos, die Fülle, das Erleben, das Fühlen, das Empfinden, das Leben als Ganzes wird vollkommen neu zugänglich und bleibt genau wie es immer war – völlig verändert – das ist das Mysterium – das ist savikalpa samadhi – oder auch kosmisches Bewusstsein genannt – die Befreiung des Lebens vom Subjekt.

Diese plötzliche Veränderung der Umlaufbahn des Ichs, des kosmischen Gefüges ist ein Schock für den Organismus – ein sehr glücklicher Schock – das Plötzliche, das keine Erfahrung ist. Wen es unvorbereitet trifft, den kann es auch ganz schön durcheinander werfen, wie es zum Beispiel Suzanne Segal in ihrem Buch beschreibt[3] – Das weiche, liebevolle oder auch kraftvoll überwältigende WOW dieses Schocks hält für gewöhnlich ein bis maximal sechs Monate an, dann hat sich das langsam sortiert. Das Erleben ohne Ich im Zentrum wird neu erlernt und die Welt kann mit Hilfe des selektierenden, sich erinnernden und trennenden Verstandes als differenziert und als Eins/Fülle gleichzeitig erlebt werden. Der Verstand steht nicht mehr im Zentrum, ist nicht mehr Sklave eines leidenden Ichs, er ist in ein Werkzeug verwandelt, eine Möglichkeit, mit Erleben umzugehen, wie die Sinne, das Fühlen, der Körper usw. auch, nicht mehr der „Chef“, sondern eines der Tools des Lebens. Nisargadatta sagt dazu: Zu unterteilen und zu spezifizieren, ist des Verstandes wahre Natur. Es schadet nicht zu unterteilen. Doch Trennung geht gegen die Tatsachen. Dinge und Menschen sind unterschiedlich, aber sie sind nicht getrennt. Natur ist eins, Realität ist eins. Es gibt Entgegengesetztes, doch es gibt keine Gegensätze.[4]

Das ist die erste Flamme der Befreiung: das Ende der Egozentrik. Das ist das, was wir etwas fälschlich den Tod des Ich nennen, es ist das Ende des Ichs, wie es bisher war, denn ohne seine Position im Zentrum ist es (fast) nicht mehr wiederzuerkennen. Das hat eine Menge Nebeneffekte, die mit der Sache selbst nur am Rande zu tun haben und die kommen und gehen wie alle Erfahrungen bisher auch und die irrtümlich dem Aufwachen selbst zugeordnet werden: Das Gedankenkarussel tritt in den Hintergrund und/oder hört auf; Es wird klar und erlebbar, dass nie ein freier Wille existiert hat (denn wessen Wille sollte dieser zentrale freie Wille sein, wenn da kein Ich mehr im Zentrum ist?); der innere und äußere (neurotische) Krieg um die richtige Position, um das Rechthaben, das Richtig-Sein und das persönliche Etwas-Wertsein kann aufhören; die Auflösung der Identifikation mit dem Körper führt zu einer (ersten) grundsätzlichen Entspannung, ein Teil der angst- und frustrationsbasierten Anspannungen und Anpassungen löst sich auf; Leben kann in Zeitlosigkeit ohne Ich erlebt werden von Niemandem; da sind immer wieder die tiefen expansiven Erfahrungen unendlicher Liebe und der Verbundenheit mit Allem und aber ebenso alle anderen kontrahierten Erfahrungen auch, wie Schmerz, Angst, Trauer, Krise usw.; das Leben wird einfacher; es wird weniger Lebensenergie verschwendet. Um einige der wichtigsten Effekte zu nennen. – Wird das Aufwachen mit diesen Nebeneffekten gleichgesetzt oder verwechselt, sitzt man in einer der brutalsten spirituellen Fallen.

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[1] In der Zeitschrift „Der Spiegel“, Nr.7, 13.2.12, S.110ff, Interview anlässlich des Erscheinens der deutschen Ausgabe des Buches „Inkognito“ von David Eagleman, bei Campus Verlag, Frankfurt a. M., 2012.
[2] Dieser Urzwang setzte sich in bekannter Qual fort im anthropozentrischen Weltbild ab der Renaissance und der Aufklärung bis heute.
[3] Suzanne Segal, „Kollision mit der Unendlichkeit“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg, 2000
[4] Sri Nisargadatta Maharaj, „ICH BIN“, Teil 1, S.116, J. Kamphausen Verlag, Bielefeld, 8. Aufl. 2009

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